Was bringt die Zukunft?
1. Ausbau der elektronischen Ausgaben
In nächster Zeit werden wir das Geschäft mit e-books
verstärkt ausbauen.
2. Árkus Tanya. Die Zwangsaussiedlung der Ungardeutschen nach
Hortobágy 1950-1953 in Zeitzeugenberichten.
Herausgegeben von Paul Breuer. Pécs/Fünfkirchen 2005.
Auszugsweise Übersetzung für GeniaNet.com von Matthias H. Rauert
Im Oktober/November 2006 gedachte Ungarn der Revolution gegen
die kommunistische Willkürherrschaft vor 50 Jahren. Aus diesem Anlass
veröffentlicht GeniaNet Berichte von Zeitzeugen, die den stalinistischen
Terror an sich, ihrer Familie und ihrem Freundeskreis durchlebten.
Vorbemerkung der Redaktion
9. November 2006. Wir setzen die Querschnitte aus den
Lebenserinnerungen verschleppter Ungardeutscher fort und lassen heute einen
anderen Zeitzeugen zu Wort kommen, genauer gesagt: eine Zeitzeugin. Damit
verbindet sich die Frage: Ist der weibliche Blickwinkel anders? Verarbeiten
Frauen die an sich und ihren Familien erlebte Willkür „emotionaler“?
Welche Schwerpunkte lassen sich in der weiblichen Erinnerung feststellen?
Márta Dezső, Tochter eines, wie sie selbst schreibt,
„Dorfnotars“, war zum Zeitpunkt der Deportation eine frisch absolvierte
Mittelschülerin, voller Hoffnungen auf das „wirkliche“ Erwachsenenleben,
wie Tausende anderer Teenager auch. Da fällt zunächst auf, dass sie am Anfang
ihres Schicksalsberichts eine Notstandsverordnung aus dem Jahre 1939 als Grund
ihrer Zwangsumsiedlung zitiert. Ihre Erinnerung ist präzise, wenn auch nicht
ganz frei von Widersprüchen (es ist von zwei Personen, die dem guten Willen
ihres Vater mißtrauten, die Rede, folgend wird aber nur der lokale
Parteisekretär benannt – wer ist der andere?). Man erfährt, dass im
Elternhaus der jungen Frau ein bildungsbürgerlicher Lebensstil gepflegt wurde:
das Eßzimmer, das große Bücherregal, gefüllt u.a. mit den Werken
gesellschaftskritischer ungarischer Hochliteratur des 19. Jahrhunderts,
darunter der Revolutionär Mór Jókai, ein Weggefährte von Sándor Petőfi,
oder Kálmán Mikszáth, der die Kuß-Gesellschaft der ungarischen Gentry
karikierte.
Márta Dezsős Darstellung der Deportation trägt gewiss eher
einen „typisch weiblichen“ Zug, wenn die Stimmung, Furcht und Anspannung im
Moment der gewaltsamen Expatriierung minutiös und für jedes Familienmitglied
beschrieben werden, sogar die Reaktion des Haushundes. Im Ganzen aber
überwiegt doch der Eindruck einer feinsinnig-ironisierenden Erinnerung, die
die Stasi-Soldaten (Ávósok) als barbarische Trampel schildert, die sich in
der „guten Stube“ der Familie wie der Elefant im Porzellanladenladen
aufführen. Damit werden neuere Ergebnisse der ungarischen Forschung zur
Charakteristik der Hoch-Phase der stalinistischen Ära in Ungarn eindrucksvoll
bestätigt. Die innere Verfassung und die instrumentellen Wandlungen der
kommunistischen Geheimpolizei ÁVH als „die Polizei der Politik“ wurden
neuerdings von György Gyarmati untersucht. Er stellte fest, dass die
Terrorisierung der gesamten Gesellschaft selbst vor den eigenen Organen wie der
„Firma“ nicht halt machte, zahlreiche Justizmorde und Schauprozesse auch
gegen den eigenen Apparat in ein regelrechtes „Kadermassaker“ mündeten,
bei dem am Ende eine Zufallsauslese überlebte. Die Verfolgungshysterie der
Geheimbürokratie wirkte sich für ihre Opfer in rational kaum
nachvollziehbarer, stets steigerungsfähiger Brutalität aus, denn, so
Gyarmati, „für ihre eigenen inneren Ängste nahmen die ÁVH-Mitarbeiter
Rache an den Deportierten, Häftlingen und Zwangsarbeitern. Die aus der
Hauptstadt oder aus den südlichen Grenzgebieten verschleppten Bürger, denen
auf dem Hortobágy, an der Theiß oder auf den Gehöften in der Jászság
[Region in der ungarischen Tiefebene, ursprünglich von den Jasigen bewohnt, d.
Red.] Zwangsquartiere in Schaf- oder Geflügelställen und anderen Schuppen
zugewiesen wurden, sahen in ihren Wächtern verständlicherweise nur gegen
alles gewappnete Bestien, die aus persönlichem Sadismus heraus handelten
[…]“ (Gyarmati 2002: 60f.).
Literatur: Gyarmati, György: A politikai rendőrsége
Magyarországon a Rákosi-korszakban. Die Polizei der Politik in der
Rákosi-Ära. Habilitációs Füzetek 1., hg. v. Mária Ormos und Ferenc
Fischer, Pécs 2002 (bilingual, deutscher Teil: S. 37-67), Beilage: A politikai
rendőrség státusának módosulása az államigazgatás szervezetében,
1945-1956 (Übersicht: Statuswandlungen der politischen Polizei in der
Organisation der Staatsjustiz 1945-1956, 1 Blatt).
Paul Breuer: Einführung
Bildungsabschluss vor der Aussiedlung: Militärhochschule und
zwei Jahre Studium der Rechtswissenschaft.
Nach der Aussiedlung: Rechts- und Argarwissenschaft.
Bild/kép/image: Studienbuch der Agrarwissenschaftlichen Akademie Keszthely.
Im Ungarischen ist der Sinn eines Ausdrucks im allgemeinen
eindeutig. Aber es gibt einige Ausnahmen; eine solche ist auch das Verb
„aussiedeln“. Dieses Wortes wird verschieden erklärt.
Nach dem Bedeutungswörterbuch heißt aussiedeln soviel wie
einzelne Personen oder gesellschaftliche, religiöse oder ethnische Gruppen mit
organisierter Gewalt zum Wechsel ihres Wohnsitzes zu zwingen. Aus dieser
Definition folgt, dass nur ein Staat, ausgestattet mit dem Machtmonopol und
Exekutivorganen, zum Aussiedeln in der Lage ist.
Unter den Gründen für die Aussiedlung seien die drei
gewöhnlichsten erwähnt. Im Falle von Naturkatastrophen wie Hochwasser,
Feuersgefahr, Erdbeben oder Kriegsfrontlinien ist die Aussiedlung jeweils
ähnlich. Sie geschieht im Interesse der Ausgesiedelten, oft aber auch gegen
ihren Willen.
Der dritte Grund für die Aussiedlung hängt mit der
Willkürherrschaft der Diktaturen zusammen und dient nicht der Bevölkerung.
[…]
Die größte Aussiedlung in Europa fand im ehemaligen
russischen Reich statt. Die russischen Zaren siedelten jene Leibeigenen, die
den Mut aufbrachten, sich über die zaristische Willkürherrschaft zu
beschweren, einfach nach Sibirien aus. Nach dem Sturz des Zarismus setzten die
Lenin und Stalin die Aussiedlungen unter anderen Gesichtspunkten fort. So wurde
ein bedeutender Teil Sibiriens binnen 500 Jahren ein russischsprachiger
Landesteil. […]
Die Aussiedlung in Ungarn
Mit ihrer Aussiedlungsmethode fanden Lenin und Stalin zwei
treue ungarische Lehrlinge, nämlich den Ersten Sekretär der Ungarischen
Arbeiterpartei Mathias Rákosi1 und Innenminister János Kádár (Kádár
János2). Am 23. Juni 1950 in morgendlicher Frühe um vier Uhr hämmerten
jeweils zwei Staatsschützer und zwei Polizisten an den Türen ausgewählter
Häusern im Grenzland zu Österreich und Jugoslawien und verlautbarten, die
Familien würden ausgesiedelt. Über das, was dann folgte, wird man ruhig sagen
dürfen, dass sie deportiert wurden. Den dahingehend lautenden Beschluss hatte
das Familienoberhaupt zu unterschreiben; tat er das nicht, dann wurde die
Familie natürlich dennoch ausgesiedelt. Praktisch wurden alle ausgesiedelt,
die man in der Wohnung antraf. So kam es vor, dass mit dem Haushaltsvorstand
nicht nur die Angehörigen, sondern auch der ein oder andere Angestellte, ein
bei den Erntearbeiten helfender Freund oder auch ein Verwandter verschleppt
wurden.
Dem Befehl zufolge war einer Familie für Packen und Aufladen
eine Stunde gestattet. Wesentlich war dabei das Einpacken von Lebensmitteln,
weil, wie sich später herausstellte, in den ersten zwei Wochen in einem Lager
an organisiertes Kochen nicht zu denken war. Fast gleichbedeutend war das
Mitnehmen von Wintersachen. Am Ende lud eine Familie um 300 kg Gepäck auf
ihren Wagen, der mit den eigenen Pferden zu ausgewählten Kreis-Stationen
gezogen werden musste. Alles, was zurück blieb, war für das ganze Leben
verloren. Es sei betont, dass weder die Staatsschützer3 noch wir wussten,
wohin man die Ausgesiedelten führte. Nicht wenige befürchten, in die
Sowjetunion verbracht zu werden. Diese Überzeugung wurde durch die Tatsache
bestärkt, dass die Züge über Budapest nicht Richtung Szolnok4, sondern
Richtung Hatvan4 gingen. Wie verhielten sich die Ordnungskräfte während des
Einpackens? Die Staatsschützer waren einfach niederträchtig, von den
Polizisten hingegen benahmen sich einige human. Ihr jeweiliges Verhalten kann
ich mit einem Beispiel belegen. Eine alte Dame über 70 – es handelt sich um
meine Großmutter – verließ zur Zeit der Aussiedlung als letzte die Wohnung,
in ihrer Hand ein Kopftuch haltend, in das die Familienpapiere und etwas
Schmuck eingewickelt waren. Die Staatsschützer rissen es ihr aus den Händen
und verkündeten, dass mit dem Gewicht dieses Paketes die erlaubte
300-Kilo-Grenze überschritten sei! Anschließend brachten sie das Päckchen in
die Wohnung zurück, um es dann wahrscheinlich in ihre Taschen zu verteilen.
Die Polizisten indessen halfen oft, die eine oder andere Kiste oder einen
Mehlsack auf den Wagen zu verladen, natürlich nur dann, wenn es kein
Staatsschützer sehen konnte.
Dank der guten Organisation von János Kádár wartete an
jeder Station auf eine Familie ein Wagon, in den jeweils eine Familie, ein
Pferd, ein Wagen und auch ein Polizist hineinpassten. Also konnte eine Familie
in die Sklaverei starten.
Auf die ausgesiedelten Familien – hochschwangere Frauen,
Kinder im Krippenalter, die Verwandten und auch achtzigjährige Kranke –
warteten folgende Strafen:
- Exil aus der angestammten Heimat,
- gefängnisartige, geschlossene Wohnplätze,
- Beschlagnahme aller Mobilien und Grundbesitzes,
- Zwangsarbeit bis zum Alter von 65 Jahren,
- ständige Polizeiüberwachung.
[...]
Márta Dezső
Árkuser Erinnerungen
Schulabschluß vor der Aussiedlung: 3 Tage vorher die
Mittelschule absolviert.
Nach der Aussiedlung: Lehrer-Diplom der Fachhochschule für
Gesundheitswesen
Nach einer gewissen Zeit wird man in den Belangen des Lebens
klüger, obendrein nach 50 Jahren. So habe ich auch den wahren Grund für
unsere Aussiedlung erfahren: „Unerwünschte Personen müssen aus jenen Orten
entfernt werden, wo sie für die Umgebung eine Gefahr werden könnten.“ Damit
aber wurde Paragraph 30 der Verordnung aus dem Jahre 1939 auf uns bezogen, mit
dem Unterschied, dass dies auf „Kriegsverhältnisse“ gemünzt war. Das Jahr
1950 konnte man schon zu den Friedensjahren zählen.
Das Schuljahr war zu Ende. Glücklich reiste ich in mein
Heimatdorf, nach Surd. Am Ende meiner Mittelschulzeit in Nagykanizsa5 konnte
ich aufgrund einer guten Abschlussprüfung mit großen Hoffnungen ins
Erwachsenenleben „eintreten“. Gewiss machte ich mir darüber keine
Vorstellungen, zu welchem Preis.
Zu dieser Zeit weilte meine Mutter auf einer
Religionskonferenz, so dass mir die häuslichen Aufgaben einschließlich der
Versorgung meiner zwei kleinen Geschwister zufielen. Mein Vater war an die 30
Jahre Dorfnotar. Er hörte den Menschen zu, vor seiner Hilfsbereitschaft war
man – mit Ausnahme zweier Menschen – überzeugt und begegnete ihm mit
Hochachtung. Der lokale Kolchos war in Fragen der Organisation im Dorfe nicht
sehr bedeutend, weil die Bodenverhältnisse hügelig und schwer kultivierbar
waren. Auch heute ist nur ein Fachverband der Obstzüchter im Dorfe tätig, das
Zentrum aber gehört zu Nagykanizsa.
Alltag hingegen waren zu eben dieser Zeit „Ablieferungen“.
Das bezog sich auf Brotgetreide wie auch auf das Schlachtvieh und berührte
empfindlich die soziale Lage der Dorffamilien. In vielen Fällen verursachte es
Sorgen um das Auskommen. Als die Staatsschützer sogar das als Saatkorn
bestimmte Getreide von den Dachböden fegten, protestierte mein Vater sehr
energisch und leistete Widerstand. Bei einzelnen Familien – zum Beispiel
Witwen, kinderreichen Familien – stimmte er diesem gnadenlosen Verfahren
nicht zu. Daher bedrohte er ihn mehrfach der Staatsschutz, konnte aber meinen
Vater nicht brechen. Zwanzig Jahre später traf meine jüngere Schwester als
OP-Assistentin mit János Torma, der seinerzeit Parteisekretär6 des Dorfes
war, zusammen. Auf seine Operation wartend, nahm der 80jährige während der
Verabreichung der Injektion die Hände meiner Schwester, bat sie um Verzeihung
für die Geschichte und sagte: „Wir wollten nur deinen Papa erschrecken, von
den Kindern war nicht die Rede!“
„Danke für Ihren Schrecken, sehr gelungen, der Fahrschein
nach Hortobágy, das kann man nicht verzeihen“ – antwortete meine
Schwester, verließ den Sterilisationsraum und teilte dem Oberarzt mit, dass
sie bei der Operation nicht offiziell assistieren könne!
* * *
Am 23. Juni 1950 morgens um 2 Uhr pochten sie an die Fenster
unseres Zimmers. Ich schaute hinaus und sah unser Haus von 10-12
Staatsschützern umstellt. Dieser Anblick war wegen der Ablieferungen in jenen
Zeiten üblich. Ich zog mir den schwarzen Schulkittel über und rannte durch
die Wohnung, um meinen Vater aufzuwecken. Er zog sich auch ruhig an, um ins
Kreisnotar-Büro zu gehen. Ungeduldig erwartete ich ihn zurück; aber warum
kamen die Staatsschützer wieder mit, was drohte dem Dorf? Meine Anspannung
steigerte sich noch, als ich hörte, dass unser Wachhund am Eingang des Flurs
fürchterlich kläffte. Das machte er nur, wenn Fremde auftauchten. Bei
Dorfbewohnern bellte er niemals. Unsere Überraschung war komplett, als unser
Vater zurückkam, begleitet von zwei Staatschützern, die ihre Waffen auf ihn
richteten. Dabei erlaubten sie meinen inzwischen erwachten zwei Geschwistern
nicht, das WC aufzusuchen. Meine kleinere Schwester, damals 10 Jahre alt,
begann laut zu schluchzen, weil sie merkte, dass meinem ernst und gefasst
wirkenden Vater die Tränen über das ganze Gesicht flossen.
Erstarrt von diesem Anblick, saßen wir um den großen Tisch
des Esszimmers herum. Nie, weder vorher noch nachher sah ich meinen Vater
weinen, wiewohl er 90 Jahre alt wurde.
Die Minuten verstrichen, während er zuende redete: „Nun,
Kinder, wir packen, weil wir die Wohnung verlassen müssen, aber das Paket darf
nur 50 kg wiegen. Legt Laken bereit; für Koffer gibt es keinen Platz, weil wir
die Wintersachen auch mitnehmen müssen. Stiefel, Decken sind auch nötig,
hierher können wir niemals zurückkommen.“
Völlig gelähmt gingen wir an die Aufgaben. Nur das eine
fragten wir ständig, warum und wohin man uns nehme, aber die Staatsschützer
schrien nur: Seien Sie still und packen Sie! So füllten wir drei Bündel und
in zwei Armkörbe Brot, Wurst7 und eine 5-Liter-Kanne mit Milch. Bücher und
Bleistifte konnte ich nur in die Schultasche packen, ferner noch die Heilige
Schrift.
Währenddessen unternahmen die Staatsschützer eine
Hausdurchsuchung. Sie drehten die Tische und Stühle um und warfen eine
ungeheure Menge Bücher aus dem Bücherschrank und Bettwäsche hinein. Wir
nahmen die Mäntel aus dem Schrank, die Pelze aber durfte man nicht einpacken,
weil sonst die 50-Kilo-Grenze überschritten worden wäre. Ich fing an zu
weinen, als ich zusehen musste, wie die Staatsschützer mit ihren Stiefelbeinen
auf der Jókai-Reihe8 und Mikszáth9 in Erdélyi Szépmíveszunft-Bindung
herumtrampelten.
Auf dem Boden eines Schrankes fanden sie jene Briefe, welche
ich nach schulischer Sitte als deutsche Sprachübung von einer Schülerin aus
Finnland bekam. Darüber stolperte sofort ein Staatsschützer, weil ihm der
deutsche Text fremd war und er brüllte: Das sind Spionageberichte! Vergebens
wies ich darauf hin, dort sind die Fotos von meiner Freundin, ihrer Schule,
über ihre Ausflüge, doch umsonst! Er raffte alles zusammen, um es mitzunehmen
und seinen Vorgesetzten zu zeigen.
Interessehalber sei erwähnt, dass ich 30 Jahre später nach
Finnland fuhr10, wo ich in Erfahrung brachte, dass meine Korrespondenzpartnerin
Ärztin wurde, Kinderchirurgin und mehrfacher Mutter, die nicht verstand, warum
ich damals ihre Briefe nicht beantwortete.
Anmerkungen:
Generell sei zu Paul Breuers Vorwort darauf hingewiesen,
dass der Begriff „Aussiedlung“ im Deutschen eine weitere, durchaus nicht
negative Bedeutung bzw. Erfahrung beinhaltet, und zwar im Begriff
„Spätaussiedler“
(z. B. aus der Sowjetunion und Nachfolgestaaten,
Rumänien). Diese Form der Aussiedlung basiert, sofern man nicht eine
wirtschaftliche Notlage als Aussiedlungsmotiv mit staatlichem Zwang
gleichsetzen will, durchaus auf dem freien Entschluß der Aussiedler, die sich
in der Regel dank staatlicher und kommunaler Eingliederungshilfen mit der
Übersiedlung besser stellen (können) als in der alten Heimat. Die von Paul
Breuer betonte Konnotation treffen eher das deutsche Verb (jemanden)
zwangsaussiedeln und seine Substantivierung „Zwangsaussiedlung“.
Entsprechend wurde der Titel von mir neu gefaßt.
- Der Übersetzer –
1) Ungarisch: Rákosi Mátyás (dt. ausgesprochen Raakoschi
Maatjaasch), geb. Ada 9. 3. 1892, † Gorki 5. 2. 1971, 1919 während der
Räterevolution unter Béla Kun (ung. Kun Béla) stellvertr. Volksbeauftragter
für Handel, 1945 Generalsekretär der kommunistischen Partei, 15. 11. 1945
Staatsminister und stellvertr. Ministerpräsident im Kabinett Zoltán Tildy,
14. 8. 1952 Staats- und Parteichef, 18. 7. 1956 Rücktritt von allen Ämtern
und Emigration in die Sowjetunion.
2) Ungarisch: Kádár János (dt. ausgesprochen Kaadaar
Jaanosch), geb. Kápoly 26. 5. 1912, 1932 KP-Mitglied, 9. 12. 1948
Innenminister im Kabinett István Dobi (Staatsminister: Mathias Rákosi),
1951-54 in Haft, dann rehabilitiert, 1956 anfangs auf Seiten der Revolution,
schlug sich am 4. 11. 1956 zu den Sowjets und half beim Sturz von Imre Nagy (MP
seit 4. Juli 1953); 1957 Parteichef, Erfinder des sog. „Gulaschkommunismus“
(ein Ausdruck von Nikita Chruschtschow), Rücktritt 21. 5. 1988.
3) „Ávósok“ (vgl. ung. Text), die Mitarbeiter des
Államvédelmi Osztálya (ÁVO) = der Staatsschutzabteilung (bzw. ab Oktober
1948 ÁVH = Államvédelmi Hatóság, Staatsschutzbehörde) lag, von ihrer
Funktion und Arbeitsweise im totalitären kommunistischen Staat her durchaus
gleichbedeutend mit der Stasi = Staatssicherheitsdienst der ehemaligen
Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Wir übersetzen daher
„Staatsschützer“, wiewohl der übersetzte Begriff gegenüber dem
Bedeutungsklang des Originals an Schärfe verliert.
4) Kleinstädte in der ungarischen Tiefebene: Szolnok an
der Theiß südöstlich von Budapest, Sitz des gleichnamigen Komitats,
Eisenbahnstation Richtung Rumänien, um 1970 48.000 Einwohner; Hatvan in der
Gombos-Pußta, im Komitat Heves nordöstlich von Budapest, an der Bahnlinie
Miskolc-Ostslowakei-Lemberg (Lvov), um 1970 21.000 Einwohner.
5) Nagykanizsa, dt. Großkanischa, Komitat Zala, Stadt in
Transdanubien nahe der kroatischen Grenze, um 1970 35.000 Einwohner.
6) der MDP = Magyar Dolgozók Pártja, dt. „Partei der
Ungarischen Werktätigen“. So nannte sich die vormalige MKP = Magyar
Kommunista Párt nach der Zwangsvereinigung mit den Ungarischen
Sozialdemokraten am 10. März 1947.
7) Wörtlich: Kolbász. Es handelt sich dabei um eine
ungarische Spezialität, dünne Räucherwürstchen, bestehend aus rohem
Schweinehack (meist aus Eigenschlachtung), Paprika und Kochsalz.
8) Mór Jókai (1825-1904), Erzähler („Egy magyar
nábob“, 1853-54), Essayist, 1848 Teilnehmer an der Erhebung gegen
Habsburg-Österreich, verbüßte 1863 für einen Leitartikel eine einmonatige
Gefängnisstrafe. Seine Werke erschienen zu seinem 50-jährigen
Schriftsteller-Jubiläum im Jahre 1894 in einer hundertbändigen
Schmuckausgabe.
9) Kálmán Mikszáth (1847-1910), Schriftsteller,
Journalist, Gesellschaftskritiker (A Noszty fiú esete Tóth Marival, 1908);
Jókai-Biograph (1907).
10) Als blockfreier Staat war Finnland den Ungarn
spätestens seit Ende der 1960er Jahre als Reiseziel gestattet.
(wird fortgesetzt)